Interessanter Beitrag zur Wärmedämmung

Energieexperte Werner Eicke-Hennig „Nur hier müssen Wände atmen“

Von Joachim Wille

Vollwärmeschutz eines Neubaus.  Foto: picture alliance / dpa-tmn

Energieexperte Eicke-Hennig verteidigt die Wärmedämmung von Gebäuden gegen Kritiker.

Die Kritik ist hart: „Dämmwahn“, „Volksverdämmung“, „Styropor-Monokultur“. Der langjährige Energiespar-Experte Werner Eicke-Hennig hält diese Breitseiten gegen die energetische Sanierung von Altbauten für Unsinn. Er verteidigt das energiesparende Bauen als unverzichtbar für die Energiewende.

Herr Eicke-Hennig, die Energieeinsparung an unseren Gebäuden wird seit ein paar Jahren in Zweifel gezogen. Wärmedämmung sei unnütz, heißt es in Zeitungen oder im Fernsehen. Im Internet kann man sogar Sätze lesen wie: „Radikale „Ökofaschisten wollen uns doch tatsächlich die Wärmedämmung aufs Auge drücken.“ Wir haben über 40 Jahre lang erfolgreich energiesparendes Bauen und Sanieren entwickelt. Der Verbrauch von Öl und Gas pro Quadratmeter beheizter Fläche ist deutlich zurückgegangen. Nun behaupten einige Journalisten auf einmal, dass dies alles falsch sei. Ihre Kritik lässt an der Wärmedämmung kein gutes Haar – und widerlegt sich damit selbst. Denn so schlechte Produkte wären unverkäuflich. Nach der Ölkrise 1973 erkannten immer mehr Menschen, dass energiesparendes Bauen in diesem Sektor die Lösung ist. Schon damals regte sich Widerstand, und jetzt gibt es eine Neuauflage Das Alte bekämpft das Neue. Die Ökofaschisten-Vorwürfe allerdings entlarven sich doch von selbst.

Aber auch in seriösen Medien wie dem „Spiegel“ konnte man über die „Volksverdämmung“ lesen. Was steckt dahinter? Beim „Spiegel“ hat man die Bedeutung des großen energetischen Umbau unserer Bausubstanz nicht verstanden. Wir lösen gerade das Jahrtausende bestehende Problem, wie man es im Winter warm haben kann, ohne die Umwelt zu zerstören. Wir bringen den Heizenergieverbrauch unserer Häuser nahe Null, und das bei mehr Behaglichkeit. Statt immer neue Energiequellen teuer und umweltbelastend zu erschließen, Kriege ums Öl zu führen und damit Flüchtlingsströme zu erzeugen, setzen wir erfolgreich auf Einsparung.

 

Zur Person

Werner Eicke-Hennig war viele Jahre Leiter der „Hessischen Energiespar-Aktion“ des Hessischen Wirtschaftsministeriums und geht Ende des Jahres in Ruhestand. Die großen Energiespar-Möglichkeiten an den 18 Millionen Gebäuden Deutschlands sind sein Lebensthema. Der Diplom-Ingenieur ist gelernter Bauzeichner und hat Architektur und Stadtplanung in Kassel studiert.

Und wieso die Konzentration auf die Wärmedämmung? Deutschland ist kein Sonnenland. Unsere Gebäude verlieren in den acht bis neun Monaten Heizperiode ständig Energie an die Umwelt. Diese Verluste lassen sich nur durch Wärmedämmung fast ganz beseitigen. Dass es bei neuen Technologien auch Probleme gibt, ist normal. Aber die sind lösbar.

Sie meinen Algen, Schimmel und die Brandgefahr? Das sind die Kritikpunkte der Dämmgegner. Algen sah man ab 1980 zuerst auf Dächern, dann auch an vielen gedämmten Wänden, weil diese wegen der im Haus bleibenden Heizwärme länger feucht bleiben. Die Ursache der Veralgung ist aber die Entschwefelung der Kohlekraftwerke. Das Schwefeldioxid in der Außenluft, das den Algenbewuchs bremste, ist stark zurückgegangen, und gleichzeitig „füttern“ wir die Algen mit Feinstäuben aus Fahrzeugmotoren und Heizungen. Deshalb wachsen sie heute auch an ungedämmten Fassaden, an Bäumen, Zäunen, auf Gehwegen oder Verkehrsschildern. Das heiß, es veralgt schon lange nicht nur die Dämmfassade, sondern der gesamte Siedlungsraum, und wir brauchen möglichst umweltfreundliche Gegenmittel, nicht nur für Fassaden.

Wie ist es mit dem Schimmel in Wohnungen? Auch hier: falsche Interpretation. Die Zahl der Wohnungen mit Schimmelbefall nimmt durch Dämmung nicht zu, sondern kräftig ab. Nur noch 0,7 Prozent der heute besser gedämmten Neubauten haben Schimmelbefall. In Altbauten sind es neun Prozent. Wie kann Dämmung dann am Schimmel schuld sein? Und zu den Fassadenbränden: In nur 0,025 Promille aller rund 180 000 Brandfälle pro Jahr sind brennbare Dämmstoffe beteiligt. Und wer dies ausschließen will, kann unbrennbare Dämmstoffe wählen.

Nicht jedem ist wohl bei der Vorstellung, sein Haus in eine Hülle aus Styropor zu verpacken. Es gibt über 30 Dämmstoff-Arten am Markt, es gibt eine freie Auswahl. Polystyrol, als Styropor bekannt, wird deshalb gewählt, weil es billig, leicht zu verarbeiten und robust gegen Feuchtigkeit ist. Das Unbehagen dagegen ist etwas mittelalterlich. Deutschland ist das einzige Land der Welt, in dem Wände „atmen“ müssen. Könnten Wände atmen, müssten Menschen auch über ihre Haut ausreichend atmen können. Frischluftzufuhr und Feuchtigkeitsabfuhr funktionieren nur über die Fenster. Schon 1927 wurde belegt: Durch ein Schlüsselloch geht pro Stunde mehr Luft, als durch 150 Quadratmeter Außenwand.

Werner Eicke-Hennig war viele Jahre Leiter der „Hessischen Energiespar-Aktion“ des Hessischen Wirtschaftsministeriums.  Foto: privat

Die Entsorgung alter Styropor-Dämmstoffe ist problematisch, weil sie mit umweltschädlichen Flammschutzmitteln ausgerüstet wurden. Auch kein Problem? Die Hersteller aller Dämmstoff-Arten arbeiten im Moment an Recyclingkonzepten. Für das Styropor-Recycling wird etwa ab 2020 ein neues Verfahren verfügbar sein. Damit wird auch das in die Kritik geratene Flammschutzmittel HBCD vernichtet. Aus Abbruch-Polystyrol wird dann neues Polystyrol, einmal erzeugt, wird es über Jahrhunderte nutzbar sein. Experten des Hessischen Umweltministerium haben bestätigt, dass HBCD aus den alten Polystyrol-Dämmstoffen nicht austritt. Deshalb entsteht kein Umweltproblem, wenn es auf Deponien gelagert wird, bis das Recycling kommt. Auch in Müllverbrennungsanlagen wird HBCD zerstört.

Der Klimaschutzbericht der Bundesregierung 2016 stellt fest: Deutschland droht sein Klimaziel für 2020 zu verfehlen, und die Gebäudeheizung verbraucht immer noch zu viel Energie. Warum ist es so schwer, das Energiesparen voranzubringen? So erfolglos sind wir bei der Einsparung von Heizenergie nicht. Der Dienstleister „Techem“ hat bei 4000 Mehrfamilien-Wohngebäuden ermittelt, dass dort seit 1977 eine Heizenergie-Einsparung von 51 Prozent erreicht wurde, also 1,5 Prozent pro Jahr. Wer mehr will, muss die Bedingungen dafür schaffen. Den politischen CO2-Minderungszielen muss endlich eine ausreichende finanzielle Förderung folgen. Nötig wäre ein Programm von fünf bis sechs Milliarden Euro pro Jahr, der Bundeszuschuss für das KfW-Förderprogramm zur Wärmesanierung beträgt aber nur 1,5 bis zwei Milliarden. Dienlich wäre auch eine positive gesellschaftliche Grundhaltung für das energiesparende Bauen und Sanieren. An der könnte man noch arbeiten.

Welche Instrumente sind die richtigen, um die Wärmesanierung voranzubringen – gerade in Zeiten niedriger Ölpreise? Heizöl kostet derzeit rund 60 Cent pro Liter. Bereits ab 35 Cent sind folgende Maßnahmen wirtschaftlich: eine 20 Zentimeter starke Dämmung des Daches, mindestens zwölf Zentimeter Dämmung der Außenwände, Dämmung der Kellerdecke mit acht Zentimeter, Umrüstung auf moderne Wärmeschutz-Verglasung, Einbau eines Brennwertkessels und, in vielen Fällen, auch eine Solaranlage für die Warmwasserbereitung. Damit kann man den Heizenergieverbrauch eines Hauses halbieren. Es geht auch mehr, aber das hängt vom Geldbeutel, den Energiepreisen und der Überzeugtheit des Hauseigentümers ab.

Interview: Joachim Wille